Konstruktionserweiterung – Was Organisationen wirklich beweglich macht
Im letzten Beitrag haben wir PE als Architekturarbeit im digitalen Wandel beschrieben.
Heute nehmen wir ein zentrales Konzept aus Peter Mudras Kapitel in den Fokus: die „Konstruktionserweiterung“. Ein sperriger Begriff – mit umso größerer Wirkung.

Was meint Konstruktionserweiterung?
Organisationen sind soziale Systeme, die sich selbst erzeugen. Sie operieren mit bestimmten Wahrnehmungen, Routinen, Bewertungen. Diese „Konstruktionen“ helfen beim Entscheiden – und begrenzen zugleich das Denken.
Mudra spricht davon, dass PE heute nicht nur Verhalten verändern, sondern den Möglichkeitsraum organisationaler Wirklichkeit erweitern muss. Genau das ist Konstruktionserweiterung: Die Fähigkeit, andere Sichtweisen zuzulassen, Unsicherheit auszuhalten, mit Ambivalenz zu leben – ohne sofort in alte Muster zurückzufallen.
Ein Beispiel aus der Praxis
Ein mittelständisches Unternehmen mit langer Familientradition kämpfte mit einem Kulturproblem: Entscheidungen wurden top-down getroffen, Fehler tabuisiert, Ideen aus der Belegschaft ignoriert. Die PE initiierte kein klassisches Veränderungsprojekt, sondern eröffnete zunächst Räume: dialogorientierte Formate, Sounding Boards, Rollentausch-Experimente.
Das Ziel war nicht, sofort etwas zu verändern – sondern andere Erfahrungen zu ermöglichen. Nach und nach entstanden neue Denkgewohnheiten, mehr Offenheit, mehr Vertrauen. Nicht alle machten mit. Aber genug, um Bewegung ins System zu bringen.
Was das für HR bedeutet
Konstruktionserweiterung ist kein Tool, das man einführt. Es ist eine Haltung, die man kultivieren muss – und ein strukturelles Angebot, das man möglich machen kann.
Für PE heißt das:
Menschen nicht nur Kompetenzen vermitteln, sondern zumutbare Irritationen anbieten
keine Lösungen liefern, sondern Suchräume eröffnen
statt „Transformation managen“: Veränderungsfähigkeit entwickeln
Wer so arbeitet, braucht Mut – und ein gutes Gespür für organisationale Reife. Aber genau hier entsteht oft der größte Hebel.
Im nächsten Beitrag schließen wir die Serie mit einer Zusammenführung: Was moderne PE leisten kann – und wie sie zur strategischen Ankerfunktion wird.
Quelle: Basierend auf Kapitel 2 „Personalentwicklung als qualitatives Personalveränderungsmanagement“ von Prof. Dr. Peter Mudra im Handbuch Personalentwicklung (2022).



