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Zwischen Berater, Lotse und Stachel – die vielen Rollen des PE-Verantwortlichen

18. Juni 2025
4 Min. Lesezeit

Wer heute als Personalentwickler unterwegs ist, hat keinen festen Platz im Organigramm. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Denn so sehr PE in vielen Unternehmen organisatorisch verortet ist – strategisch, operativ oder irgendwo dazwischen –, so wenig lässt sich die Rolle des Personalentwicklers auf eine Funktion reduzieren. Sie ist beweglich, mehrdimensional, manchmal unbequem. Und genau darin liegt ihre Stärke – wenn sie bewusst gestaltet wird.


Michael Müller-Vorbrüggen beschreibt in Kapitel 9 des Handbuchs Personalentwicklung eindrücklich, wie facettenreich diese Rolle tatsächlich ist. Der Personalentwickler ist nicht nur Prozessverantwortlicher, sondern auch Katalysator, Gesprächspartner, Veränderungsbegleiter – und manchmal eben auch derjenige, der mit seinen Fragen stört. Nicht im destruktiven, sondern im entwicklungsfördernden Sinn.



Die bewegliche Mitte

In der Praxis bewegt sich der PE-Verantwortliche stets im Spannungsfeld verschiedener Erwartungshorizonte. Da ist das Top-Management, das klare Ergebnisse will, am besten mit Kennzahlen belegbar. Da sind die Führungskräfte, die schnelle Lösungen suchen, ohne sich durch komplexe Reflexionsprozesse quälen zu wollen. Da sind die Mitarbeitenden, die zwischen Hoffnung auf echte Förderung und Skepsis gegenüber „HR-Maßnahmen“ schwanken. Und da ist nicht zuletzt die eigene HR-Abteilung, die auf reibungslose Abläufe und unternehmensweite Standards achtet.


Inmitten all dessen steht der Personalentwickler – ohne formale Macht, aber mit großer Verantwortung. Er oder sie muss vermitteln, übersetzen, konfrontieren, unterstützen. Muss erkennen, wann ein Bedürfnis strategisch relevant ist und wann es vielleicht eher Ausdruck eines persönlichen Unbehagens. Und muss einschätzen können, ob eine Intervention wirklich wirkt – oder bloß gut aussieht.


Müller-Vorbrüggen spricht deshalb nicht von der Rolle, sondern von einer Konstellation aus Rollen, die situativ eingenommen, gewechselt und auch wieder verlassen werden müssen. Ein Personalentwickler ist Berater, wenn er mit Führungskräften Entwicklungsziele verhandelt. Lotse, wenn er Lernpfade gestaltet. Impulsgeber, wenn er Kulturthemen auf die Tagesordnung bringt. Und Stachel, wenn er blinde Flecken sichtbar macht, die lieber im Verborgenen geblieben wären.



Kein sicherer Boden – aber Wirkung in der Tiefe

Diese Vielschichtigkeit ist kein Zufall, sondern spiegelt die zunehmende Komplexität organisationaler Realität wider. Während früher klare Zuständigkeiten, langfristige Karrierepfade und fest definierte Weiterbildungsformate den Rahmen vorgaben, ist heute Beweglichkeit gefragt – in Strukturen, in Rollen, im Denken.


Der PE-Verantwortliche operiert häufig ohne belastbare Entscheidungsbefugnisse. Er kann nichts anweisen, selten sanktionieren, und nur in Ausnahmefällen Ressourcen eigenständig freigeben. Seine Wirkung entsteht anders: durch die Qualität seiner Analysen, die Tiefe seiner Gespräche, die Passung seiner Impulse. Und vor allem: durch seine Fähigkeit, tragfähige Beziehungen aufzubauen – quer durch alle Hierarchieebenen.


Genau hier zeigt sich, wie anspruchsvoll diese Rolle ist. Denn es reicht nicht, Prozesse zu beherrschen oder Tools anwenden zu können. Entscheidend ist die Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Nahbar zu sein, ohne beliebig zu wirken. Klar zu kommunizieren, ohne zu verletzen. Und das alles in einem Umfeld, das von Ambivalenzen geprägt ist – zwischen Eigeninteresse und Unternehmenszielen, zwischen Tempo und Tiefe, zwischen Kontrolle und Entwicklung.



Eine Szene, wie sie überall passieren könnte

In einem mittelständischen Unternehmen steht ein PE-Verantwortlicher vor der Herausforderung, ein neues Leadership-Programm zu gestalten. Die Geschäftsführung wünscht sich „stärkere Führung“, weil in den letzten Jahren „zu viel Soft Skills“ gefördert worden seien. Gleichzeitig betont der Betriebsrat, man wolle keine neuen Druckmechanismen, sondern echte Unterstützung. Die Führungskräfte wiederum fragen sich, ob sie mit dem Programm nicht bloß auf neue Anforderungen eingeschworen werden sollen, die in Wirklichkeit ganz woanders beschlossen wurden.


Der PE-Verantwortliche sitzt zwischen allen Stühlen – und genau das ist sein Platz. Er beginnt nicht mit dem Programm, sondern mit Gesprächen. Führt Interviews, hört zu, stellt Fragen. Er erkennt, dass es weniger um neue Tools geht, sondern um eine kulturelle Verunsicherung: Was heißt eigentlich Führung in dieser Organisation? Wer darf was entscheiden? Und wie wird Erfolg gemessen?


Er bringt diese Fragen zurück ins System – nicht als Kritik, sondern als Entwicklungsangebot. Er gestaltet einen Workshop, in dem Geschäftsführung, Führungskräfte und Betriebsrat gemeinsam arbeiten. Es entstehen neue Klarheiten – und ein Leadership-Programm, das nicht übergestülpt, sondern gemeinsam entwickelt wird.



Die Kunst der Rollengestaltung

Was dieses Beispiel zeigt: Der PE-Verantwortliche hat hier nicht einfach ein Programm entworfen. Er hat einen Prozess angestoßen, der Relevanz erzeugt, ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren. Er hat Rollen eingenommen – Gesprächspartner, Analytiker, Moderator – und wieder verlassen, wo nötig. Vor allem aber hat er Führung nicht als Empfänger, sondern als Mitgestalter aktiviert.


Müller-Vorbrüggen betont: Diese Rollengestaltung ist keine persönliche Frage von Charakter oder Erfahrung. Sie ist eine professionelle Aufgabe – mit Risiken, aber auch mit enormer Wirkungstiefe.


Wer sie ernst nimmt, braucht Reflexionsfähigkeit. Denn jede Rolleneinnahme ist auch eine Positionierung im Machtgefüge. Wer zu nah an der Geschäftsführung ist, verliert Vertrauen an der Basis. Wer sich zu sehr mit den Mitarbeitenden identifiziert, wird nicht mehr als strategischer Partner ernst genommen. Wer Konflikte scheut, bleibt wirkungslos. Wer sie provoziert, riskiert den Ausschluss.


Deshalb ist gute PE nie naiv, aber auch nie zynisch. Sie balanciert – mit Haltung.



Zwischenwirkung statt Endverantwortung

Ein weiteres Kennzeichen der Rolle: Der PE-Verantwortliche trägt selten die Endverantwortung für das, was in der Organisation geschieht. Er kann Entwicklung anstoßen, begleiten, strukturieren – aber er entscheidet nicht allein, was daraus wird. Seine Wirkung liegt in der „Zwischenwirkung“, wie Müller-Vorbrüggen es nennt: Er sorgt dafür, dass relevante Fragen gestellt, relevante Prozesse in Gang gesetzt und relevante Beziehungen aufgebaut werden.


Diese Zwischenwirkung ist nicht leicht zu messen. Aber sie ist spürbar – dort, wo PE die Selbstreflexion von Führung verbessert, den Diskurs über Entwicklung vertieft oder neue Lernformen ermöglicht, die echte Veränderung anstoßen.


Das erfordert Mut. Denn oft ist der PE-Verantwortliche der Erste, der Themen aufbringt, die im System vermieden werden. Fragen nach Macht, nach Verantwortung, nach Scheitern. Er tut das nicht, um zu stören – sondern weil Entwicklung ohne diese Fragen nicht möglich ist.



Dieser Beitrag basiert auf Kapitel 9 „Profil und Tätigkeit des Personalentwicklers“ von Michael Müller-Vorbrüggen im Handbuch Personalentwicklung.

 
 
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